Manche Orte beeindrucken durch ihre Größe oder ikonischen Sehenswürdigkeiten. Die Gegend um Gavi im südöstlichen Piemont verzaubert auf andere Weise: mit sanften Hügeln, endlosen Weinbergen und innovativen Winzern. Die Traube, um die sich hier alles dreht und für den Gavi DOCG Wein stilbildend ist, heißt Cortese. Der Name bedeutet „höflich“ oder „vornehm“ – ein passender Name für die autochthone Rebsorte, die seit Jahrhunderten für ihre Eleganz und feine Frische bekannt ist.



Unsere Reise in die norditalienische Weinregion, die fast 90% ihrer Flaschen in die ganze Welt exportiert, widmete sich nicht nur dem neu lancierten Jahrgang 2025, sondern auch der spezifischen Verbindung zwischen Boden, Landschaft und Wein. Auf der Agenda standen geführte Verkostungen, Besuche auf Weingütern und viele Gelegenheiten zu persönlichen Gesprächen mit den Winzerinnen und Winzern.
Die Landschaft rund um Gavi ist geprägt von Rebstöcken, die sich wie grüne Wellen über die Hügel ziehen. Dazwischen liegen kleine Weingüter und alte Steinhäuser, die von einer langen Tradition erzählen.

Der Auftakt – ein Besuch bei La Bollina
Die wichtigste Aufgabe während unserer Weinreise war vor allem eines: verkosten, verkosten, verkosten! Den Auftakt bildete ein Besuch auf dem Weingut La Bollina, das zu den bekanntesten Weingütern im Gavi-DOCG-Gebiet gehört. Das Anwesen umfasst rund 120 Hektar, davon sind etwa 33 Hektar Weinberge. Es liegt in in der Ortschaft Serravalle Scrivia, nur wenige Kilometer von Gavi entfernt, genau in der Übergangszone zwischen dem Ligurischen Meer und den Hügeln des Monferrato. Eine Lage, die für warme Tage und kühle Nächte sorgt, was den Weinen ihre Frische und Mineralität verleiht.


Der klassische Gavi von La Bollina wird im Edelstahltank vergoren und anschließend auf der Feinhefe ausgebaut. Dadurch bleibt er frisch und erhält gleichzeitig etwas mehr Struktur. Angesichts des Klimawandels mit mehr Sonne und mehr Regen stehen die Winzer hier vor einer großen Herausforderung: Wie kann man die für die Gavi-Weine typische Mineralität erhalten? Neben dem klassischen Gavi produziert La Bollina auch den Ventola Gavi DOCG, der teilweise in französischen Barriques reift, wodurch er komplexere Aromen wie Jasmin, Birne, gelben Pfirsich und einen Hauch Vanille entwickelt. Unser klarer Favorit: der Ventola 2021.
45 Gavi-Weine, Jahrgang 2025, zum Frühstück
Am nächsten Tag folgte die Herausforderung schlechthin: In den heiligen Hallen des Gavi Consorziums galt es, 45 Weine aus dem Jahrgang 2025 zu verkosten.




Insgesamt 190 Weingüter gibt es im Gavi, die im Jahr etwa zusammen über 14 Millionen Flaschen Gavi DOCG produzieren – gleichwohl nur innerhalb der elf zugelassenen Gemeinden. Einer unserer Favoriten stammte von Villa Sparina – für viele Weinliebhaber eines der Aushängeschilder der Region. Und das aus gutem Grund…

Vinophile Idylle: Weinresort Villa Sparina
Die Geschichte des malerischen Weinguts, das sich heute als modernes Resort mit Hotel und Gastronomie präsentiert, geht zurück bis ins 18. Jahrhundert. Damals war das Anwesen Teil eines großen landwirtschaftlichen Besitzes in den Hügeln von Monterotondo, einer der besten Lagen rund um Gavi. Die Weinberge erstrecken sich auf 160 Hektar und profitieren von einer außergewöhnlichen geografischen Situation: Die kühlen Winde aus Richtung Küste treffen auf die warmen Tage des Piemonts und schaffen ideale Bedingungen für die Cortese-Traube.

Die Weine von Villa Sparina, die uns Marketing-Chef Stefano Moccagatta probieren ließ, überzeugen durch ihre schöne Frische mit vielen Zitrusnuancen, weiße Pfirsiche, aber auch ungewöhnliche Töne nach Wald oder mineralischem Gestein. Besonders fein ist der Gavi Monterotondo: Die alten Rebstöcke aus der historischen Weinlage verleihen dem Wein eine wunderbare Tiefe.


Zum Sortiment von Villa Sparina gehören auch verschiedene Schaumweine, die nach der Champagner-Methode hergestellt werden und mit moussierender Frische am Gaumen begeistern, beispielsweise der Brut Metodo Classico Blanc de Blancs. Aus den Trauben alter Weinberge wird der „Villa Sparina 10 anni“ gekeltert, der trotz seiner 10-jährigen Flaschenreifung überraschend jung daherkommt. Die Nase ist komplex und elegant, mit Noten von Trockenfrüchten und Gewürzen. Am Gaumen ist er fein und anhaltend mit Anklängen von Anis und Minze; seine fruchtigen Aromen werden durch die besondere Struktur verstärkt, doch gleichzeitig sorgt seine lebhafte Säure für Frische. Einfach großartig!
Die Gavi-Weine spiegeln die Landschaft wider; sie präsentieren sich frisch, elegant und mineralisch mit einer feinen salzigen Note: Die ligurische Küste ist ja nicht weit.

Villa Sparina – eine Flasche für sich
Einzigartig ist auch die ungewöhnliche, ikonische Flaschenform von Villa Sparina: Leicht abgerundet, mit überlangem Hals und grüngelblicher Farbe sind sie mit dem schlichten Etikett ein echter Eyecatcher, für die der Designer Giacomo Bersanetti verantwortlich zeichnet. Als Vorlage dienten ihm antike Vasen, die man während der Renovierungsarbeiten im Weinkeller der Villa Sparina fand. Noch ein Tipp: Unbedingt im Restaurant „La Gallina“ essen, wo originelle und authentische piemontesische Küche auf den Tisch kommt.

Zu den Highlights unserer Reise in die Welt des Gavi Weins gehörten sicherlich auch die Verkostungen unter freiem Himmel, bei wir die Erzeuger persönlich kennenlernen konnten. Alles Menschen mit Leidenschaft, Know-how, Traditionsbewusstsein und Visionen! Allesamt bringen sie wunderbare Weine hervor, in denen man manchmal auch die Winzer-Persönlichkeiten wiederfinden kann.



Weingut La Chiara
Was wir ebenfalls empfehlen wollen, ist der Besuch bei der Familienkellerei La Chiara, die sehr elegante, klassische Gavi-Weine produziert – und das zu einem hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnis. Die wichtigsten Weine sind der Gavi DOCG del Comune di Gavi, der klassische Gavi des Hauses. Er zeigt typischerweise Zitrusfrüchte, weißen Pfirsich, Aprikose, weiße Blüten und feine Kräuter. Am Gaumen wirkt er trocken, frisch und elegant, mit einer angenehmen Salzigkeit im Abgang.

Begeistert hat uns der Gavi Gropella des Blauen Labels aus dem Jahr 2024, der 24 Monate im Barrique reift, sich aber dennoch eine frische, schlanke Struktur bewahrt hat. Der Gavi Etichetta Nera präsentiert die hochwertigere Selektion mit mehr Struktur und Lagerpotenzial. Definitiv ein Geheimtipp!
“E dove non è vino, non è amore.” – „Und wo es keinen Wein gibt, ist auch keine Liebe.“

Was Gavi sonst noch sehenswert macht
Natürlich ist Gavi weit mehr als der Namensgeber eines der bekanntesten und beliebtesten Weißweine Italiens. Zwischen historischen Gassen, romanischen Kirchen und leuchtend grünen Weinbergen lässt sich hier erleben, wie eng Geschichte, Landschaft und Wein miteinander verbunden sind.

Über dem mittelalterlichen Ort thront die mächtige Forte di Gavi, während sich rundum die Weinberge des Cortese erstrecken. Die imposante Festung geht auf eine mittelalterliche Burg zurück und wurde vor allem im 16. und 17. Jahrhundert von der Republik Genua zu einer mächtigen Festungsanlage ausgebaut. Mit ihrem sternförmigen Grundriss und den Bastionen ist sie die bedeutendste Sehenswürdigkeit von Gavi.

Nur wenige Kilometer von Gavi entfernt, in Serravalle Scrivia, entfernt liegt Libarna, einst eine römische Stadt. Zu sehen sind unter anderem Teile des Straßen- und Wohnsystems sowie ein Amphitheater und ein Theater.


In Parodi Ligure befindet sich die Abbazia di San Remigio, mitten im Gebiet des Gavi DOCG. Die ehemalige Abtei ist ein besonders stimmungsvoller Ort und verbindet sakrale Architektur mit der Wein- und Kulturlandschaft der Region.



5 Fakten über Gavi DOCG:
1) Die Geschichte des Weinbaus im Gavi geht zurück auf das Jahr 972.
2) 1998 erhielt Gavi die DOCG-Klassifizierung (Denominazione di Origine Controllata e Garantita), die höchste Qualitätsauszeichnung für Wein in Italien.
3) Die elf Gemeinden des Gavi DOCG sind Bosio, Capriata d'Orba, Carrosio, Francavilla Bisio, Gavi, Novi Ligure, Pasturana, San Christoforo, Serravalle Scrivia und Tassarolo.
4) Obwohl das Gebiet des Gavi DOCG mit seinen rund 1.600 Hektar Rebfläche überschaubar wirkt, beherbergt es eine erstaunliche Vielfalt von etwa 150 Winzern. Jeder Betrieb interpretiert die Cortese-Traube auf seine eigene Weise - vom kleinen Familienweingut bis zur traditionsreichen Genossenschaft.
5) Die Weinbau-Region ist ein Exportschlager: Sie produziert jährlich etwa 14 Millionen Flaschen, von den 12 Millionen vor allem nach England, USA und Deutschland verkauft werden.
Am schönsten ist eine Reise ins Gavi übrigens im Frühsommer oder im Herbst. Unser Hotel-Tipp ist das Relais Villa Pomela. Die historische Villa aus dem 17. Jahrhundert, einst opulenter Adelssitz, wurde Ende des 19. Jahrhunderts sorgfältig restauriert und verkörpert seither den stilvollen Charme der Belle Époque.
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Fotos: © Cristian Castelnuovo, Heidi Reutter-Ambros